Flechten

 

Flechten zählen zu Unrecht zu den eher weniger beachteten Pflanzengruppen, besitzen sie doch teilweise höchst erstaunliche Eigenschaften und Fähigkeiten. Ihre oft unscheinbare Größe verlangt ein genaues Hinsehen, welches dann bei vielen Arten unerwartet ästhetische Strukturen erkennen lässt.

Flechten sind Doppelorganismen. Sie bestehen jeweils aus einer Pilz- und einer Algenart, welche symbiotisch zusammen leben. Dadurch entsteht eine neue, eigene Gestalt mit spezifischen Ansprüchen und Leistungen.

Bezogen auf  ihre Wuchsform werden die Flechten grob unterteilt in  Strauch-,  Laub- oder Blatt-, sowie Krustenflechten. Die Bestimmung von einzelnen Arten ist ausgesprochen schwierig. Häufig lassen sich Unterscheidungen nur mittels Mikroskop feststellen oder durch verschiedene Farbreaktionen auf bestimmte Chemikalien.

In Mitteleuropa gelten über 2000 Flechtenarten als heimisch. Die Rote Liste der Flechten Hessens von 1996 beziffert ihre Zahl bei uns auf 915. Als gefährdete und potentiell gefährdete Arten werden 63,6 % von ihnen bezeichnet (582 Arten)!

 

 

Gewöhnliche Bartflechte (Usnea filipendula)

Durch Schadstoffbelastungen in der Luft und forstwirtschaftliche Einflüsse stark zurückgegangen, erholt sich ihr Bestand durch die Bemühungen um die Luftreinhaltung mancherorts zaghaft. Sie bevorzugt Bäume in niederschlagsreichen Lagen, besonders in nebelreichen Tälern. Die Flechten der Gattung Usnea besitzen einen Inhaltsstoff namens Usninsäure, welcher antibiotisch wirkt und, inzwischen auch synthetisch hergestellt, in der Heilkunde angewendet wird. Im Burgwald z.B. noch am Fahrweg zwischen Forsthaus Mellnau und den Franzosenwiesen im Bereich des NSG Krämersgrund und an der Keutnerwiese zu finden. 

Rote Liste Hessen 1996: "stark gefährdet" (2)



Sparrige Rentierflechte (Cladonia arbuscula)

Wie winzig kleine Hände recken sich die an ihren Spitzen gebräunten Endzweige dieser Rentierflechte meist zu einer Seite.

Rote Liste Hessen und BRD: "gefährdet" (3)

 


Ebenästige Rentierflechte (Cladonia portentosa)

Von den sogenannten Rentierflechten der Gattung Cladonia gibt es mehrere, teilweise nur schwer voneinander unterscheidbare Arten. Ihren Namen erhielten diese Flechten, da sie in den nordischen Ländern den Hauptbestandteil der Rentiernahrung bilden. Bei uns sind sie eher bekannt als Bestandteile von Friedhofskränzen, die aus Skandinavien importiert werden.

Rote Liste Hessen 1996: "gefährdet" (3)

 

 

Gegabelte Cladonie (Cladonia furcata)

Sie findet man vereinzelt bei uns auf dem Erdboden an sonnigen, warmen Waldrändern. 

 

 

Strauchflechte Ramalina farinacea

 

Hier wächst diese Art an der Borke einer alten, frei stehenden Esche

Rote Liste Hessen 1996: "gefährdet" (3)

 

 

Pflaumenflechte (Evernia prunastri) ("Eichenmoos")

Eine häufige rindenbewohnende Strauchflechte, erkennbar an den unterschiedlich gefärbten Ober- und Unterseiten der flachen Zweige. Diese Flechte spielt noch heute eine bedeutende Rolle in der Parfümindustrie bei der Herstellung von Duftstoffen.

 

 

Braune Köpfchenflechte (Baeomyces rufus)

Diese Flechtenart besteht aus dem blassgrünlichen, krustigen, als "Belag" den Erdboden oder Steinflächen überziehenden Flechtenkörper (dem sogenannten Lager) und den kleinen pilzartigen, braunköpfigen Fruchtkörpern.

 

 

Trompetenflechte (Cladonia fimbriata)

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Ein "Wäldchen" auf morschem Holz.

 

 

Diese Cladonia-Art sorgt mit ihren roten Fruchtkörpern selbst bei Minusgraden für winzige bunte Farbtupfer auf dem gefrorenen Waldboden.

Die meisten Flechtenarten besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit selbst eisige Temperaturen zu überleben. Viele betreiben sogar noch bei weit unter dem Gefrierpunkt liegenden Temperaturen Photosynthese, sind also auch dann noch stoffwechselaktiv.

Gewöhnliche Bartflechte

 

 

 Blasenflechte  (Hypogymnia physodes)

Eine der häufigsten Laubflechten, die ihren Namen durch die hohlen, "aufgeblasenen" Lappen erhielt. Sie besiedelt vor allem saure Borken an Bäumen und verwittertes, faulendes Holz.

 

 

Reicher Flechtenbewuchs auf einem alten Weidezaunpfahl.

Auch solche mensch-gemachten Ersatzbiotope, wie auch Natursteinmauern, alte Dachziegel, Grabsteine, Bildstöcke usw. können für die Ausbreitung und den Erhalt von einigen Arten von Bedeutung sein.

 

 

Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina)

Eine häufige Laubflechte (hier an einer jungen Esche im Schatten und daher eher in einer grün-grauen Färbung)...

...sonst an ihren teilweise orangefarbenen Fruchtkörpern gut zu erkennen.

 

 

Blattflechte (Physcia aipolia)

 

 

Krustenflechte Tephromela atra...

 

...am Westturm der St. Martin-Kirche auf dem Christenberg.

Krustenflechten wachsen meist ausgesprochen langsam. Sie können teilweise sehr alt werden und zählen mit zu den ältesten lebenden Organismen überhaupt. Exemplare mit einem Alter von mehreren hundert Jahren sind an geeigneten Standorten nichts Ungewöhnliches.

 

 

Einige schöne Laub- und Krustenflechten von der alten Friedhofsmauer auf dem Christenberg:

Zierliche Gelbflechte (Xanthoria elegans)

Um an solch "extremen" Standorten überhaupt existieren zu können, weisen die Flechten eine weitere besondere Eigenschaft auf. Bei Trockenheit sind sie in der Lage, ihre Stoffwechselvorgänge vollkommen einzustellen, so dass sie in eine Art Ruhezustand fallen. Bei erneuter Feuchtigkeitszufuhr, durch Regen oder Tau, "erwacht" die Flechte wieder zum Leben und der Stoffwechsel wird wieder angekurbelt.

 

 

Schildflechte Peltigera praetextata... 

... mit ihren auffälligen Fruchtkörpern (Apothecien).

 

 

 

 

Manche Krustenflechten leben nicht nur auf sondern tatsächlich auch IM Gestein, wobei sie, je nach Untergrund, dessen Mineralzusammenhalt lockern können. Solange die Flechte jedoch mit ihrer schützenden Kruste den Stein bedeckt, wird dieser vor Verwitterung bewahrt. Erst wenn die Flechte entfernt wird, z.B. bei "konservatorischen" Maßnahmen an Natursteinmauern, Denkmälern, Grenzsteinen, Bildstöcken oder Grabsteinen, werden die angegriffenen Gesteinsoberflächen freigelegt und eine verstärkte Abtragung setzt ein. Viele der oben genannten Objekte bekommen durch einen reichen Moos- oder Flechtenbewuchs erst eine gewisse Patina, die neben einer großen ökologischen Bedeutung auch eine hohe Attraktivität besitzt.

 

 

Krustenflechte an einem Apfelbaumast (evtl. Lecanora chlarotera ???)

 

 

 


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